Ich gehe meinen Weg – Wissam aus Syrien bei mc-quadrat

Von 2. April 2018News

Kaum etwas hat die öffentliche Diskussion und Stimmung in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie der Flüchtlingsstrom nach Deutschland. Zwischen immer neuen Zahlen und der Wir-schaffen-das-Debatte haben sich unterschiedliche Gefühlslagen gebildet, die aber meist auf einer plakativen Basis fußen. Was oft zu kurz kommt: Die Geschichten und Schicksale der Menschen, die ihre Heimat verlassen, alles aufgegeben haben und den oft gefährlichen Weg zu uns in eine unsichere Zukunft antraten.

Wissam (26) hat eine dieser Geschichten zu erzählen. Er ist seit August 2017 bei uns. Erst als Praktikant, jetzt festangestellt als Assistant Frontend Developer. Und am besten lassen wir ihn seine Geschichte in einem Gespräch selbst erzählen …

Hallo Wissam, vielen Dank, dass Du dir die Zeit für das Gespräch genommen hast. Wir können uns kaum vorstellen, wie die Situation sein muss, damit man alles Gewohnte und Liebgewonnene hinter sich lässt. Wie war das bei Dir?
Ich habe bis 2014 mein ganzes Leben in Damaskus verbracht. Bin dort geboren, zur Schule gegangen und habe an der Universität angefangen, Archäologie zu studieren. Dann kam der Arabische Frühling und mit ihm 2011 der Bürgerkrieg in Syrien. In nur kurzer Zeit war nichts mehr wie zuvor.

Hast Du sofort daran gedacht, das Land zu verlassen?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich wollte einen Beitrag in dieser Stimmung des Aufbruchs leisten. Zwei Jahre habe ich als freier Journalist gearbeitet. Erst für einen kleinen lokalen Sender, den ich mit ein paar Freunden gegründet habe, später für internationale Stationen. Unser Bezirk in Süddamaskus war eingeschlossen und Frontgebiet. Die Situation wurde so gefährlich, dass ich eine Gelegenheit genutzt habe, um in den Libanon zu fliehen.

Das war Deine erste Station. Wie ging es von da weiter?
Ich war in Sicherheit, aber auch im Libanon war es nicht einfach: Schon für die lokale Bevölkerung nicht, erst recht nicht für die Masse an Flüchtlingen, die bereits aus Syrien geflohen ist. Ich fand nur schwer Arbeit und konnte kaum die Miete bezahlen. Nach einem halben Jahr bin ich weiter nach Libyen gezogen. Unter abenteuerlichen Umständen und in ein Land, das auch nicht stabil ist. Hier blieb ich einen Monat, bis ich einen Platz auf einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer bekommen habe.

Eine der gefährlichsten Routen überhaupt.
Richtig. Wir haben das ebenfalls schnell bemerkt. Das Schiff war alt, schrottreif, undicht und kurz davor zu sinken. Wir hatten sehr großes Glück und wurden von der italienischen Marine gerettet, die uns nach Italien brachte.

Wie bist Du dann nach Berlin gekommen?
Ein Freund hat mir so begeistert von diesem freien und liberalen Berlin erzählt, dass ich am nächsten Tag schon auf dem Weg war. Aber ich blieb nicht lange, denn ich musste Asyl beantragen und bin dafür nach Göttingen. Von da ging es erst nach Bielefeld, später nach Lippstadt. Aber besonders dort hatte ich das Gefühl, dass ich kaum eine Möglichkeit hatte, eine Arbeit zu bekommen. Die Sprache war eine sehr große Hürde. Ich konnte noch kein Deutsch und hatte keine Zertifikate, mit denen ich meine Qualifikationen nachweisen konnte. Also bin ich zurück nach Berlin. Habe tagsüber erst in einem arabischen und dann italienischen Restaurant gearbeitet.

Wie bist Du dann zum Frontend Development gekommen?
Durch Refugees on Rails konnte ich in einem Abendkurs sehr viel lernen und anschließend mit 5-6 Leuten aus dem Netzwerk gleich erste Projekte umsetzen. Ich habe dann als Freelancer weiter Erfahrung gesammelt und wurde selbst zum freiwilligen Mentor bei „Frauenloop“. Darüber bin ich dann zufällig auf eine Veranstaltung* der Deutschen Telekom gekommen, bei der mc-quadrat als langjähriger Partner der Telekom teilnahm. Dort bin ich Jens-Rainer zum ersten Mal begegnet. Es folgten weitere Gespräche und tatsächlich habe ich die Chance auf ein Praktikum bei mc-quadrat bekommen.

Und jetzt bist Du seit April festangestellt.
Ja, ich kann es selbst noch kaum fassen. Das Praktikum war schon fantastisch, auch wenn die ersten Tage sehr aufregend für mich waren. Die Kollegen haben mich super aufgenommen. Ich weiß, dass ich hier zu jedem gehen und alles fragen kann. Auch dadurch habe ich in der kurzen Zeit mehr gelernt als in den eineinhalb Jahren vorher. Und dadurch, dass es jetzt weitergeht, hat sich für mich vieles nochmals zum Besseren geändert: Ich weiß, dass ich in Deutschland auf eigenen Beinen stehen und mich in dem Team super weiterentwickeln kann. Ich habe auf meiner Reise sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln können, aber ich bin sehr froh, dass ich bei mc-quadrat ein berufliches Zuhause gefunden habe.

 

* Anmerkung von Jens-Rainer Jänig: Die Deutsche Telekom hat 2017 für rund 350 Flüchtlinge Stellen geschaffen. Dazu wurden vom Corporate Responsibility Bereich der Deutschen Telekom bundesweit Bewerbertage organisiert und hervorragend vorbereitet. Als ein langjähriger Partner des Konzerns durften wir an diesem Tag in Berlin teilnehmen. Dort habe ich fünf Flüchtlinge kennenlernen dürfen. Bei Wissam hat es sofort „klick“ gemacht. „Der passt zu uns!“ habe ich gedacht und freue mich jetzt, dass sich dieser Eindruck fachlich, aber vor allem menschlich bestätigt hat. Wir freuen uns!

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